„Feuerwehr und Rettungsdienst – Wo ist der Notfallort?“ – Wenn wir heute diesen Satz von einem Disponenten der Zentralen Leitstelle des Main-Kinzig-Kreis in Gelnhausen hören, können wir uns sicher sein, baldige Hilfe zu erhalten. Oftmals wird noch während des laufenden Notrufs bereits das passende Rettungsmittel elektronisch alarmiert und zum Notfallort entsandt.

Schon im Jahre 1847 wird in der ersten neuzeitlichen Feuerlöschordnung der Stadt Orb die „schnelle Bekanntmachung des ausgebrochenen Brandes“ als oberstes Ziel benannt. Das Fehlen von modernen Kommunikationsmitteln erforderte jedoch weit mehr als einen Knopfdruck auf dem Computer in einem Büro in Gelnhausen. In den knapp 175 Jahren, die seit dem Erlass dieser kommunalen Löschordnung vergangen sind, veränderte sich die Alarmierungsweise der Bad Orber Feuerwehr viele Male und passte sich somit immer wieder dem Stand der Technik an.

Die Feuerlöschordnung von 1847 erwähnt gleich mehrere Varianten des Feueralarms in der Stadt. So sollte grundsätzlich durch den Ruf „Feuer“ auf einen Brand aufmerksam gemacht werden. Sofern ein Nachtwächter das Geschehen entdeckte, sollte dieser in sein Lärmhorn blasen.

Das „Stürmen mit den Glocken“ stellte eine flächendeckende Bekanntmachung des Brandereignisses sicher. So war es die Aufgabe des Glöckners, die Kirchenglocken läuten zu lassen. Der direkte Nachbar zum Rathaus am Marktplatz, Bäckermeister Adam Schopp, hatte die Aufgabe, die Feuerglocke im Rathausturm ertönen zu lassen. Zu diesem Zwecke war er auch mit einem Schlüssel für das Rathaus ausgestattet. Auch die Salinenglocke wurde im Brandfalle als Alarmglocke genutzt. Die Löschordnung von 1847 geht allerdings nicht näher auf diese Glocke ein, da es sich um eine Privatglocke des Salinenbetriebes handelte.

Glockenstube des ehemaligen Rathauses am Markplatz.

Zusätzlich zu den drei Feuerglocken (Rathaus, Kirche, Saline) im Stadtgebiet gab es noch Bürger, die mit sogenannten Lärmtrommeln in zugeteilten Bereichen der Stadt kräftig Lärm machen sollten. So war Leonard Weber für die Vorstadt zuständig, Jakob Prasch, von Beruf Salicant, war für die Unterstadt, das Untertor und die Gretenbach zuständig und der Leinenweber Adam Schmalbach alarmierte im Unglücksfalle das Neuthor (Stadtausgang bei der Koch’schen Apothekte, heute Übergang zum Salinenplatz), das Obertor und die Heppengasse.

Auch heute ist es noch üblich, dass sich Nachbarwehren bei großen Brandereignissen überörtliche Hilfe leisten. Was den Einsatzleiter heute einen kurzen Funkspruch an die Leitstelle kostet, war damals im wahrsten Sinne des Wortes eine atemberaubende Angelegenheit. In der Feuerlöschordnung von 1847 sind auch hier Personen bestimmt, die im Falle eines bedeutenden Brandes die Gemeinden hinauf und hinab der Kinzig alarmieren sollen. Für die Strecke nach Aufenau, Neudorf, Salmünster und Wächtersbach waren Joh. Georg Kailing (Schumacher), Joh. Adam Weisbecker und Karl Schopp (Bäcker), bestimmt. Für die Orte Gelnhausen, Kassel, Wirtheim, Höchst und Friedrichstal (Weiler im Wald zwischen Orb und Wirtheim) waren Johann Degen (Schuhmacher), Johann Engel (Tagelöhner), Jakob Schmalbach (Schuhmacher), Joh. Fries (Schuhmacher), und Philipp Bauer (Schuhmacher) eingeteilt. Auffällig ist, dass vor allem Schuhmacher diese Aufgabe versahen.

Im Brandfalle hatten sich die Läufer an der „Wachstube am Unterthor“ laufbereit zu versammeln. Dort wurden die jeweiligen Laufziele zugeteilt.

In der Feuerlöschordnung von 1865, dem offiziellen Gründungsdokument der Freiwilligen Feuerwehr Bad Orb, finden sich nur weniger detaillierte Beschreibungen des Ablaufes einer Alarmierung. Weiterhin werden allerdings die Kirchenglocken sowie die Salinenglocke als Alarmierungsmittel verwendet. Dabei fällt die Betätigung jener jeweils in das Aufgabengebiet des Kirchners bzw. des Salinenwächters.

Da 1865 das Rathaus am Marktplatz unter großem Protest der Orber Bürgerschaft abgerissen wurde, fehlte mit der Feuerglocke nun auch diese zentrale Alarmierungsmöglichkeit.

In den nachfolgenden Jahren wurden immer wieder aktualisierte Feuerlöschordnungen erlassen. Hierbei wurde jedoch nicht mehr auf die Alarmierung eingegangen. Zeitzeugenberichte lassen darauf schließen, dass der Steigerturm am Untertor samt Feuerglocke als Ersatz für das Rathaus erbaut wurde. So vereinten sich in dem Steigerturm die Möglichkeiten der Schlauchtrocknung, der Übung sowie der Alarmierung, für die zuvor noch das alte Rathaus genutzt worden war.

Der Steigerturm am Untertor. Er stand bis 1926 an der Stelle des heutigen Verkehrsbüros. Die Aufnahme zeigt diesen Turm mit Glocke und entstammt dem Archiv von Eberhard Eisentraud und Elsbeth Ziegler. Es handelt sich um einen starken Beschnitt der Originalaufnahme.

Im Jahr der Neugründung der Feuerwehr Bad Orb 1901 macht die Polizeiverwaltung darauf aufmerksam, dass im Falle eines Brandes unverzüglich der im Rathaus wohnende Polizeiwachtmeister Hoffmann zu benachrichtigen ist. Dieser solle die Feuerglocke im Rathaus betätigen. Ebenso soll die in der Knabenschule wohnende Schuldienerin Frau Prehler benachrichtigt werden, um die Feuerglocke im Steigerturm erklingen zu lassen. Diese Erinnerung war nötig geworden, da bei einem Brand kurz zuvor das Stürmen nicht rechtzeitig erfolgte.

In einem Protokoll einer Generalversammlung der Bad Orber Wehr vom 4. Dezember 1921 werden die mangelhaften Alarmierungseinrichtungen in Bad Orb kritisiert. Die Wehr bittet den Magistrat daraufhin um Verbesserungen diesbezüglich. Auslöser für diese Bitte war ein Brand im Sägewerk Eckert im November 1921, bei dem sämtliche Maschinen und Holzvorräte vernichtet wurden.

In einem Protokoll einer sogenannten Führersitzung der Feuerwehr Bad Orb vom 26. Januar 1928 wird die Anschaffung einer Sirene besprochen. Hieraus geht hervor, dass die Anschaffung einer Sirene schon länger Wunsch der Kameraden sei, dieser Wunsch jedoch aufgrund der schlechten Kassenlage der Stadt „somit noch mehrmals auf die Tagesordnung kommen“ müsse.

Auch im Protokoll der Jahreshauptversammlung vom 1. Februar 1931 wird unter dem Punkt „Verschiedenes“ die mangelnde Alarmierung angesprochen. Die Beschaffung einer Sirene wird von einem Kameraden abermals gefordert.

Während des Krieges durften die Sirenen nur zum Luftschutz eingesetzt werden. Die Auslösung zur Alarmierung der Feuerwehr war streng untersagt. Wann genau in Orb die ersten Sirenen installiert wurden, ist aktuell noch unklar. Es ist jedoch sicher, dass es während des zweiten Weltkrieges Sirenen in Bad Orb gab.

Vor allem wegen des florierenden Kurbetriebs kam die Stadt Bad Orb schon früh in den Genuss einer stillen Alarmierung. Diese Begrifflichkeit fasst alle Alarmierungsmethoden in sich, die lediglich die Feuerwehrmitglieder erreichen und nicht alle Bürger. Ein klassisches Beispiel für eine nicht-stille Alarmierung ist die Sirene.

Mit dem Aufkommen der Telefonie veränderte sich Mitte der 1940er Jahre auch die Art des Absetzens eines Notrufes. Diese Anrufe, welche unter den Nummern 2011 oder 110 getätigt werden konnten, liefen bei der Ortspolizeistation im Rathaus ein. Bei Einsätzen, die nicht dringlich waren, wurde lediglich der Stadtbrandinspektor benachrichtigt. Er kümmerte sich dann um das weitere Vorgehen. Bei dringenden Einsätzen wie Bränden oder schweren Verkehrsunfällen wurde im Rathaus über einen Knopf stiller Alarm ausgelöst und einige Zeit später über Telefon den ersteintreffenden Kräften in der Feuerwache genaueres mittgeteilt. Diese erste stille Alarmierung bestand aus der sogenannten, in der Region einmaligen, Weckerlinie. Vom Rathaus wurde über die Freileitung ein Draht mitgeführt. Überall, wo ein Feuerwehrmann wohnte, war ein Abgriff, der mit der Dachständerführung ins Haus kam. In der Wohnung der Feuerwehrleute befand sich ein Wecker mit Sicherung. Ein Pol war an die Einführung und der andere an die Erde angeschlossen. Die Anlage wurde vom damaligen Leiter der Stadtwerke entwickelt und ausgeführt. Ungefähr 12-15 Feuerwehrmitglieder waren an diese Anlage angeschlossen.

Diese Art der schnellen stillen Alarmierung war nötig geworden, da die Feuerwehr Bad Orb mit dem Erhalt des TLF 15 erstmals feste überörtliche Aufgaben erhielt. Der damalige Kreisbrandinspektor Hufer hatte guten Kontakt zur Bad Orber Wehr, sodass sich Stadtbrandinspektor Josef Bien und Bürgermeister Anton Drisch bei den Stadtwerken für den Bau einer solchen, für damalige Verhältnisse, fortschrittlichen Anlage einsetzte.

Nach einem großen Unwetter im August 1958, bei dem auch die Feuerwehr Bad Orb zahlreiche Einsätze abarbeiten musste, monierte Stadtbrandinspektor Bien in einem Brief an den Landrat den Ausfall sämtlicher Alarmierungseinrichtungen. Auch die Kirchenglocken seien als Alarmeinrichtung ausgefallen, da diese seit kurzem auf elektrischen Antrieb umgestellt worden wären. Er schlug seinerzeit vor, wieder Hornisten für einen solchen Fall auszubilden. Dieser Vorschlag wurde bekanntlich bisher nicht umgesetzt.

Mit der Zeit schritten jedoch auch die technischen Möglichkeiten voran und die immer störanfälligere selbstentwickelte Anlage wurde durch die Rundsteueranlage ersetzt.

Die Rundsteueranlage reagierte auf Impulse, welche über das Stromnetz verteilt wurden. Die Feuerwehrleute hatten jeweils in ihrem Haus eine Anlage zur Interpretation dieser Impulse eingebaut, sodass diese elektrischen Impulse in optische und akustische Signale gewandelt werden konnte. In Bad Orb wurden die Alarmimpulse über eine Frequenz von 194 Hertz auf der 20kV Einspeisungsebene versendet. Seinerzeit hatten findige Feuerwehrmitglieder die Hausbeleuchtung an diese Rundsteueranlage gekoppelt, sodass bei Alarm automatisch das Licht beispielsweise im Flurbereich leuchtete. 

Seit dem Jahr 1973 befindet sich die alte Alarmglocke aus dem Rathaus am Markplatz im Glockenturm des damals neuen Rathauses am Salinenplatz. Diese könnte, rein theoretisch, auch noch heute schlagen.

Nachdem 1974 die ersten Funkgeräte beschafft wurden, folgten im Februar 1983 die ersten 20 analogen Funkmeldeempfänger. Diese gaben Anfangs nur Signal, dass ein Einsatz anlag. Daraufhin eilten die Feuerwehrmitglieder zum Gerätehaus und fragten über Telefon, wo sich der Einsatzort befand und welche Art von Einsatz vorlag. Spätere Modelle ermöglichten eine Sprachdurchsage der ersten Einsatzinformationen. Nach und nach wurden so die Rundsteueranlagen durch Funkmeldeempfänger ersetzt. Schon bald verfügten alle Feuerwehrmitglieder über einen jeweils eigenen Funkmeldeempfänger. Doch auch diese Neuerung blieb nicht die Letzte.

Die letzten Analogpager, welche bei der Feuerwehr Bad Orb im Einsatz waren.

Nach halbjähriger Testphase und Parallelbetrieb wurden im Sommer 2018 die neuen digitalen Meldeempfänger der Firma Airbus Defence & Space an die aktiven Mitglieder der Feuerwehr Bad Orb ausgegeben. Diese stellen die Einsatzmeldung als Textform dar und können, je nach Einsatzart und -dringlichkeit, verschiedene Tonfolgen abspielen. Eine Alarmansage über Funk, wie es lange Jahre der Fall war, entfällt. Die Pager werden im Normalfall durch die Leitstelle des Main-Kinzig-Kreises ausgelöst. Hessenweit wurden diese neuartigen Alarmgeber beschafft.

Ein solches Gerät trägt jedes aktive Mitglied der Feuerwehr Bad Orb mit sich.

Nach dem Ende des Kalten Krieges ging das Eigentum der alten Sirenen vom Bund auf die Kommunen über. Die städtischen Träger demontierten dieses Teils oder schränken aus Kostengründen den Funktionsumfang nur auf die Alarmierung der Feuerwehr. Auch in Bad Orb schwiegen die Sirenen lange Zeit, obgleich sie in Ihrer Funktion weiterhin uneingeschränkt genutzt werden konnten. Nach und nach gerieten die Sirenen in Vergessenheit.

In den letzten Jahren erhielt das Thema Bevölkerungs-, Zivil- und Katastrophenschutz jedoch wieder gesteigerte Aufmerksamkeit, sodass seit dem ersten Quartal 2019 wieder quartalsweise die Töne der Sirenen durch das Orbtal heulen. Dies ist auch durchaus wichtig, dass beim Ausfall der digitalen Alarmierung die Sirene als Rückfallebene dient.

Die Sirenen werden bis dato immer noch über analoge Funksignale ausgelöst. Dies soll sich jedoch in den kommenden Jahren ändern. Parallel dazu wird seit längerem die Alarmierung per Alarm-App erprobt.

So könnte eine aktuelle Alarmierung aussehen. Zudem werden noch weitere Details mitgeteilt.

Heutzutage wird die Feuerwehr Bad Orb im Regelfall über eine stille Alarmierung gerufen. Anhand der Beschreibung der Sachlage durch die Anruferin oder den Anrufer wählt der Disponent in der Leitstelle in Gelnhausen aus, ob er die gesamte Wehr alarmiert oder nur eine Teilgruppe. Auch passende Stichwörter sind hinterlegt. Sie beschreiben grob, um welche Einsatzart es sich handelt.

Auch am Beispiel der Alarmierung lässt sich der unglaubliche technische Fortschritt ablesen, den das Feuerlöschwesen hierzulande in den letzten 150 Jahren nahm. Sicherlich ist man hier noch nicht am Ende der Entwicklung angekommen.


Quellen: Archiv Freiwillige Feuerwehr Bad Orb; Archiv Eberhard Eisentraud und Elsbeth Ziegler; Günter Lauer; Protokollbücher Freiwillige Feuerwehr Bad Orb, transkribiert von Karola Kertel 2021; Bad Orber Anzeiger Nr. 41 vom 06.10.1973, Ludwig Bickell (Ausschnitt historische Aufnahme Rathaus Marktplatz); Stadtarchiv Kurstadt Bad Orb Helga Koch

Kategorien: Historisches

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